Märkische Allgemeine Zeitung, 17.02.2007

Auf der Suche nach Mall Singh
Jan Sternberg

Dokumentarfilm über frühe Tonaufnahmen, indische Soldaten und das Gefangenenlager Wünsdorf

Mall Singh war 24 Jahre alt, als er in Wünsdorf vor ein Gerät mit einem großen Trichter geführt wurde. Mall Singh sollte sprechen, in seiner Muttersprache Panjabi, das sagten ihm die deutschen Forscher. Das Gerät war ein Edison Phonograph. Mall Singhs Stimme wurde auf Schellackplatte aufgezeichnet. Eine Minute und zwanzig Sekunden dauert die Aufnahme, hergestellt am 11. Dezember 1916 um vier Uhr nachmittags. Mall Singh, Sikh aus einem Dorf in der Region Firozpur im Panjab, war indischer Soldat. Er kämpfte im Ersten Weltkrieg in Europa auf Seiten der Briten, wurde von den Deutschen gefangen genommen. Sie brachten ihn mit anderen Soldaten aus den Kolonien der kriegführenden Mächte ins "Halbmondlager" bei Wünsdorf (Teltow-Fläming). Inder, Nordafrikaner, Senegalesen waren dort , in einem zweiten Lager bei Zossen bewohnten Georgier und Tataren aus der russischen Armee die Baracken. Es waren Sonderlager mit etwas besserer Behandlung. Das Osmanische Reich, Verbündeter der Deutschen, hatte den Dschihad gegen die Alliierten ausgerufen. Die Deutschen, so wollten sie es in ihrer Propaganda inszenieren, standen an der Seite der Muslime gegen die Ungläubigen. Im Halbmondlager wird am 13. Juli 1915 die erste Moschee auf deutschem Boden, geweiht. Die Lagerzeitung hieß "El Dschihad". Auch die nicht-muslimischen Gefangenen wie den Sikh Mall Singh versuchte die deutsche Propaganda zu erfassen – man wollte die Unabhängigkeitsbestrebungen in Indien befeuern, um den Briten zu schaden. Genützt hat die Mühe wenig. Doch tausende Menschen aus fernen Ländern, zusammengepfercht hinter Stacheldraht, weckten schnell Interesse bei Wissenschaftlern, Anthropologen und Sprachforschern. Sie sprachen von "prächtigem Material", das "man beisammen hat, ohne umständliche und zeitraubende Reisen machen zu müssen" – und vor allem: "welches man in aller Muße, ohne dass es einem davongeht, wiederholt ausfragen kann".

1915 wird die "Königlich Preußische Phonographische Kommission" gegründet. Ihr gehören 30 Wissenschaftler an, geleitet wird sie von Wilhelm Doegen. Ihr Ziel ist die systematische Aufnahme der verschiedenen Sprachen und der Musik aller in deutschen Lagern befindlichen Kriegsgefangenen. 1650 Schellackplatten aus dieser Zeit liegen heute im Lautarchiv der Humboldt-Universität. Mall Singhs Aufnahme trägt die Nummer P.R. 619. Sie ist gekennzeichnet als "ein typisches Beispiel" eines Punjabi-Sprechers, Mall Singh wird eine "starke helle Stimme mit guter Resonanz" bescheinigt. Andere Gefangene müssen von Zetteln, die die Wissenschaftler hochhalten, Märchen oder Zahlenreihen ablesen. Mall Singh darf frei sprechen. Er spricht in der dritten Person, aber er meint sich. "Es war einmal ein Mann. Er geriet in den europäischen Krieg. Deutschland nahm ihn gefangen. Drei lange Jahre sind vergangen. Sollte dieser Mann noch zwei Jahre hier bleiben müssen, wird er sterben."
Wer war dieser Mall Singh? Er taucht auch in einer Studie des Anthropologen Egon von Eickstedt auf, der 76 in Wünsdorf internierte Sikh-Soldaten biometrisch vermessen hat. Dort trägt er die Nummer 15. Er hatte fünf Brüder, zwei Schwestern und eine Tochter, vermerkt Eickstedt. Mehr wissen wir nicht. Für die Forscher war Mall Singh ein Studienobjekt, sein Schicksal und seine Biografie interessierte sie nicht. Ein Foto von ihm muss im Lager gemacht worden sein, alle Gefangenen wurden fotografiert. Doch es ist verschollen.

Der Berliner Filmemacher Philip Scheffner hat sich auf die Suche nach dem Soldaten Mall Singh gemacht. Er versuchte, in dem verstreuten Material, aus den Informationsfetzen in den Archiven, einen Menschen zu finden und über ihn in Indien einen Film zu drehen. Er ist fürs Erste gescheitert – und hat darüber seinen Film gemacht. "The Halfmoon Files", die Halbmondakten, heißt er und fördert dennoch erstaunlich viel zutage. Scheffner zeigt uns Stummfilmaufnahmen aus dem Lager, die er aufgestöbert hat. Schafe werden zum Schächten geführt, Turbanträger marschieren durchs Lagertor. Er spielt uns Aufnahmen von Schellackplatten vor. Eine Geistergeschichte, die Mall Singhs Kamerad Bhawan Singh dem Phonographen vorliest. Zu dieser findet Scheffner im heutigen Wünsdorf Bilder, die nahtlos anknüpfen, als habe es die neunzig Jahre dazwischen nicht gegeben. An diesen Stellen wird die Dokumentation zum filmischen Traum.

Hier kann eine Nilpferdpeitsche eine Rolle spielen, vom Berliner Völkerkundemuseum für den Propagandafilm "Der Gefangene von Dahomey" verliehen. Der Streifen wurde 1918 in Wünsdorf gedreht. Das reale deutsche Lager ist Filmkulisse für ein französisches Lager in Afrika, die afrikanischen Gefangenen spielen französische Kolonialsoldaten. Die Story: Ein deutscher Internierter wehrt sich gegen die Misshandlungen des französischen Kommandanten, kann fliehen. Die Nilpferdpeitsche ist seit den Dreharbeiten verschwunden, der Film inzwischen ebenfalls.

Auch die Erzählungen von Frau Heyer überschreiten die Grenze zwischen Dokumentation und Geistergeschichte. Sie wohnt in Wünsdorf in den ehemaligen Baracken des Halbmondlagers, ihre Großeltern kamen 1918 dorthin. Nachts hört sie in den Baracken merkwürdige Geräusche. Wilhelm Doegens Stimme ist ebenfalls zu hören – in Radiointerviews der Fünfziger und Sechziger Jahre erzählt er ungebrochen stolz von seiner Idee, die "Negerstimmen" auf Schellack aufzunehmen.

Eine absurde Poesie gar bekommt Scheffners im Film gezeigte Korrespondenz mit den Behörden und seinen Recherchepartnern in Indien. Mehrmals spricht der Regisseur beim indischen Geschäftsträger in Berlin vor, doch statt der Drehgenehmigung, die in Delhi versandet, kann der freundliche Herr Dasgupta nur mit einer weiteren Geistergeschichte aus einem alten Buch helfen: Ein indisches Märchen über die "Weiße Frau der Hohenzollern", die Wilhelm II. Unglück ankündigt.

Schließlich meldet sich Mall Singhs Enkel: Bei der Zeitung "Chandigarh Tribune", die eine Geschichte über die Tonaufnahmen der Sikh-Soldaten brachte. Doch da ist der Film schon zu Ende. Der indische Journalist von der "Tribune", augenscheinlich verwirrt, wie er den aus Rassismus und Exotismus gleichermaßen gespeisten Forscherdrang der deutschen Wissenschaftler von damals einordnen soll, strickt sich in diesem Artikel eine ganz spezielle Erklärung: Die Deutschen hätten die Sikhs untersucht, "weil sie wissen wollten, warum sie gegen diese harten Jungs vom Panjab keine Chance hatten".

Jeder erzählt eben seine eigene Geschichte. Egon von Eickstedt, der Autor der Studie, wurde einer der führenden Rassenforscher der Weimarer Republik und der Nazizeit. Auch das sollte man wissen.
Philip Scheffners Arbeit ist mit dem Film nicht beendet: Mit der Wissenschaftshistorikerin Britta Lange, die sich mit den Forschungen in Wünsdorf beschäftigt, hält er Vorträge, zudem bereiten sie eine Ausstellung im Berliner Kunstraum Bethanien vor. Der Soldat Mall Singh wird Scheffner weiter begleiten. Und vielleicht kommt ja sogar die Drehgenehmigung aus Delhi.

Der Film "The Halfmoon Files" läuft im Berlinale-Forum am 17. Februar, 13 Uhr, im Cubix 7 und 18. Februar, 20 Uhr, im Arsenal 1. Vortrag mit Filmausschnitten am 23. Februar, 20 Uhr, Fachwerk im Gutenberghaus, Bücherstadt Wünsdorf.