www.infomedia-sh.de, Februar/März 2007

Geisterreise ins Archiv
Daniel Krönke

Eine Geistergeschichte will Philip Scheffner erzählen. So zumindest erklärt er sein Vorhaben dem freundlich interessierten Mitarbeiter der indischen Botschaft, als er wegen einer Drehgenehmigung anfragt. Und tatsächlich verlangt „The Halfmoon Files“ vom Zuschauer, was auch eine Geistergeschichte verlangt: Ungeteilte Aufmerksamkeit und den Glauben, dass es mehr gibt zwischen Himmel und Erde, als uns unsere Schulweisheit glauben macht. Eine gute Schulbildung ist jedoch auch hilfreich, denn Scheffner rekapituliert nicht das historische Kapitel „Ende des Kaiserreiches“ wenn er sich auf die Spurensuche nach Mall Singh, einem indischen Kriegsgefangenen im Lager Wünsdorf bei Berlin macht. Da es bereits in den Anfängen des Medienzeitalters Allianzen zwischen Militär, Wissenschaft und (Unterhaltungs-) Industrie gab, kann Scheffner einzigartige Zeitzeugnisse präsentieren: Das Preußische Schallarchiv legte unzählige Tondokumente auf Schellackplatten an. Beginnend mit sauber katalogisierten Sprach- und Gesangs-Aufnahmen von Kriegsgefangenen des Ersten Weltkrieges, ruhen im Schallarchiv auch eigens für die Aufzeichnung gesprochene Reden des Kaiser Wilhelms an das deutsche Volk. Wenn Scheffner diese Aufnahmen zu Gehör bringt, bleibt die Leinwand schwarz und nur Titel erklären, was sich vor dem Trichter abspielt. Vor dem geistigen Augen spricht Mall Singh, spricht der Kaiser, beide nicht vertraut mit der neuen Technik. Scheffner wertschätzt in diesen Momenten nicht nur das Lebenswerk des Archivars, der seiner Arbeit bis ins hohe Alter nachging, sondern vertraut auch der Aufmerksamkeit und Imaginationskraft des Zuschauers. Ähnlich arbeitet Scheffner mit dem wenigen, aber sensationellen Bildmaterial, das das Gefangenenlager Wünsdorf zeigt. Kriegsgefangene aus der ganzen Welt kamen im „Halbmondlager“ zusammen, vorwiegend Muslime. Die Türkei wurde zum Bündnispartner des deutschen Kaiserreiches, daraufhin wurde in Ankara der Djihad gegen die Alliierten ausgerufen. Die muslimischen Kriegsgefangenen bekamen plötzlich eine militärstrategische Bedeutung, sie sollten von türkischen Muslimen „umgedreht“ und auf den Djihad gegen die Alliierten eingeschworen werden. Freie Glaubensausübung wurde daher nicht nur erlaubt, die Gefangenen konnten ihre Gebetsstunden in einer eigens erbauten Moschee abhalten, auf freiem Feld wurden traditionelle Schlachtfeste abgehalten. Ein kurioses und gleichzeitig erschreckendes Bild – muslimische Kriegsgefangene als Spielball in der Kriegspolitik, das Gefangenenlager Wünsdorf als Pool und Anschauungsobjekt für anthropologische Studien. Anders als herkömmliche Dokumentationen verzichtet „Halfmoon Files“ auf nachträgliche Vertonung bzw. Bebilderung. Bild und Tondokumente stehen für sich. Der Effekt ist eine geschärfte Wahrnehmung des Gezeigten und Gehörten. „Halfmoon Files“ kann ein besonderes Erlebnis sein, wenn man sich darauf einlässt. Dann aber wird man mit der Reise an einen Ort in der Vergangenheit belohnt – und dem Gefühl, seinen Geist gespürt zu haben. (dakro)