taz Berlin lokal Nr. 8204 vom 17.2.2007, Seite 32, 185 Kommentar HARALD FRICKE, veränderter Artikel in taz-Teilauflage: S.22 * Rezension

"The Halfmoon Files".
Harald Fricke

Regie: Philip Scheffner. Deutschland 2007, 87 Min.
Heute, 17. 2., 13 Uhr, Cubix, 18. 2., 20 Uhr, Arsenal

Auszug aus "Der Bär darf wagemutig bleiben", Artikel von Christina Nord, die tageszeitung vom 8.2.2007, S. 15, 344 Z.
"Entdeckungen sind ohnehin eher in den Nebenreihen möglich. Eine Stärke der Berlinale ist dabei seit jeher die Auswahl von Dokumentarfilmen. (...) Der Berliner Regisseur Philip Scheffner forscht in "The Halfmoon Files" (Forum) der Geschichte eines indischen Kriegsgefangenen während des Ersten Weltkrieges nach. Der Mann namens Mall Singh war in einem Lager in Wünsdorf bei Berlin interniert und musste dort für einen Sprachforscher und Lautarchivar auf Band sprechen. Der Film collagiert das zunächst heterogene Material zu einer dichten Spurensuche - Aufnahmen aus dem heutigen Wünsdorf, historische Fotografien, Szenen aus frühen Kolonialspielfilmen, die in dem Lager mit den inhaftierten Soldaten als Statisten gedreht wurden, Gespräche mit einem leitenden Angestellten der indischen Botschaft in Berlin. Scheffner dreht, wie er selbst sagt, "eine Gespenstergeschichte", was sich doppelt bewahrheitet. Zum einen, weil Mall Singh, die zentrale Figur der Recherchen, ein blinder Fleck bleiben muss, zum anderen, weil man dem Rassismus des frühen 20. Jahrhunderts, dem kolonialistischen Denken, dem Positivismus des Kopfvermessens und Stimmenarchivierens am ehesten auf die Spur kommt, wenn man ihm nicht mit umgekehrtem Positivismus begegnet - sondern mit Schwarzblenden oder Bildern wie dem eines herrenlosen Plastikbandes, das gespenstisch im Wind weht."