taz Berlin 17.2.2007

Geisterstimme aus dem Gestern
Harald Fricke

Singende Kriegsgefangene, vermessen im Halbmondlager und auf Schellack gepresst: In seinem Filmessay "The Halfmoon Files" (Forum) sichtet Philip Scheffner Deutschlands koloniales Erbe und den trügerischen Wahrheitsanspruch der Ethnografie

Manchmal nimmt Philip Scheffner gern Umwege. So war es auch bei seinem Projekt "The Halfmoon Files". Bereits 2002 erschien seine CD mit Sounds aus Bombay, die Scheffner zu einer "Musique Concrète der Stadt" collagiert hatte, wie er sagt. Bei Interviews vor Ort bekam er dann den Hinweis, dass in der Nähe von Berlin während des Ersten Weltkriegs ein Lager für indische Kriegsgefangene existierte. Plötzlich saß die deutsche Kolonialgeschichte mit im Boot. Scheffner erfuhr, dass Berlin ein Stimmenarchiv besitzt, das in dieser Zeit alle "Rassen" der Erde akustisch klassifizieren sollte. Er recherchierte weiter, traf auf Britta Lange, die am Max-Planck-Institut über Postkolonialismus forscht. Aus dem gemeinsamen Interesse wurde ein Vortrag, mit dem die beiden durch Unis touren. Zusätzlich soll dieses Jahr eine Ausstellung in Berlin folgen, für die Scheffner noch eine CD mit historischem Material produzieren wird.

All das gehört zur Rührigkeit, wie man sie von geübten Projektemachern kennt. Und doch ist bisher kein einziges Mal von Scheffners Film "The Halfmoon Files" die Rede gewesen, mit dem er nun im Forum vertreten ist. "Na ja, es war eben wie so oft auch Zufall, dass überhaupt ein Film herausgekommen ist", erklärt Scheffner, während er sorgfältig seine Zigarette zu Ende dreht. Noch im Oktober hatte er eine lose Sammlung aus Texten, Bildern und O-Tönen beim Talk in einem Berliner Kunstverein vorgestellt. Aber dann wurden an Silvester "in sehr, sehr langen Sitzungen" die bereits vorhandenen DV-Aufnahmen geschnitten und montiert. Ein ziemlicher Ritt, schließlich ist der Materialfundus enorm disparat. Dokumentation, Bildessay, Hörspiel - der fertige Film verhandelt vieles in einem. Es geht neben dem kolonialen Erbe Deutschlands auch um eine Kritik am Wahrheitsanspruch der Ethnografie mit ihrem Vertrauen in dokumentarische Bilder und darum, wer festlegt, wie Geschichte geschrieben wird.

Gerade deshalb ist Scheffner skeptisch: Objektivierbares Wissen gibt es nicht, noch weniger lässt es sich darstellen. Diese Einsicht war bereits wichtig, als der 1966 in Homburg geborene Video- und Soundkünstler Anfang der 90er das Berliner "dogfilm"-Kollektiv mitgründete, dessen Arbeiten von TV-"Soaps" für arte über die Ökonomisierung von Mitte bis hin zu Beiträgen über die "Kein Mensch ist illegal"-Initiativen reichten.

Das schwierige Verhältnis von gesellschaftlichen Inhalten und künstlerischem Blick ist auch in "The Halfmoon Files" ein durchgängiges Thema. Schon zu Beginn sieht man, wie sich kaum merklich eine Flusslandschaft aus einer nebelverhangenen Suppe herauskristallisiert. Dazu hört man eine Schallplatteneinspielung, die in Indisch die Welt "als trügerische Form" besingt.

Die Stimme stammt von Mall Singh. Aufgenommen wurde der Rhapsode nicht heute, sondern vor 90 Jahren, nicht in seiner Heimat, sondern in Wünsdorf bei Berlin. Dort waren im Ersten Weltkrieg die gefangenen Soldaten muslimischen und anderen nichtchristlichen Glaubens interniert. Araber, Afrikaner, Koreaner und eben auch indische Sikhs. Weil in dem sogenannten Halbmondlager, für das man 1915 sogar eine eigene Moschee errichtete, dermaßen viele Völker und Kulturen zusammengepfercht waren, wurden schließlich die Ethnologen, Sprachwissenschaftler und Anthropologen der Berliner Humboldt-Universität auf diese Welt im Miniaturformat aufmerksam.

Feldforschung leicht gemacht: Bald begannen die Wissenschaftler damit, die vermeintlich exotischen Kriegsgefangenen zu vermessen, ihre Feste und Rituale zu studieren, vor allem auch ihre Sprachen aufzuzeichnen. Das alles ist auf Filmen dokumentiert, die Scheffner jetzt als Samples in "The Halfmoon Files" nutzt, in Zeitlupe einstreut oder mit Aufnahmen aus dem heutigen Wünsdorf kontrastiert. Eine zentrale Rolle spielte damals der Sprachwissenschaftler Wilhelm Doegen, der die "Königlich Preußische Phonographische Kommission" leitete. Unter seiner Aufsicht sind 700 Aufnahmen in Wünsdorf entstanden, die auf Schellackplatten gepresst wurden und heute noch im Berliner Lautarchiv lagern. Für Scheffner ist Doegen "eigentlich so etwas wie das abwesende Zentrum. Er hat als Erster erkannt, dass seine Aufnahmen nicht bloß wissenschaftliche Belege waren, sondern eben auch Dokumente von Kunst und Sprache."

Der Film spinnt diesen Faden fort - ist Doegen der Künstler und Singh sein Medium? Aber dann ist da dieser blinde Fleck in Doegens Wahrnehmung, auf den Scheffner eingeht. Sofort erscheint die Authentizität der Aufzeichnungen fragwürdig, schon weil die Tondokumente den Gefangenen abgepresst wurden. So erzählt der von Doegen befragte Singh, dass er aus deutscher Gefangenschaft endlich nach Indien zurückkehren will, "wenn Gott gnädig ist". Wenig später hört man ihn seltsam hysterisch lachen, nachdem er dreimal "Heil!" gerufen hat.

Was danach aus Singh geworden ist, weiß heute niemand. Sein Geburtsdorf existiert nicht mehr, seit Indien 1947 geteilt wurde; und auch die hiesige indische Botschaft besitzt keinerlei Informationen über den Mann, der aus der Provinz Punjab stammte. Deshalb auch nennt Scheffner seinen Film "eine Geistergeschichte": weil sie von einem Menschen handelt, der nur als Stimme noch präsent ist. Mehr Fakten, aus denen man sich ein Bild machen könnte, hat man auch am Ende des Films nicht zur Hand.