Sueddeutsche Zeitung 16.02.2007

Da spricht ein Geist zu mir (im Forum)
Constanze von Bullion

Kolonialsoldaten des Weltkriegs in "Halfmoon Files" von Philip Scheffner

"Es war einmal ein Mann. Er aß zwei Pfund Butter und trank drei Liter Milch in Indien. Dieser Mann kam in den europäischen Krieg. Deutschland nahm diesen Mann gefangen. Er wünscht sich, nach Indien zu gehen." - Kurzes Husten. - "Sollte er noch zwei Jahre hier bleiben, wird er sterben."

Eine Minute und sechzig Sekunden braucht der Inder Mall Singh, um die Geschichte seines Lebens zu erzählen. Es ist der 11. Dezember 1916 und Singh steht vor dem Trichter eines Phonographen, den deutsche Wissenschaftler in der Baracke eines Kriegsgefangenenlagers bei Berlin aufgebaut haben. Der Häftling hat eine hohe Stimme, die auf eine Wachsplatte gepresst wird. Er spricht die nordindische Sprache Punjabi, ist 24 Jahre alt und hat einen Brustumfang von 880 Millimetern. Beim Ausatmen. Vorausgesetzt, alles wurde korrekt notiert.

Es sind nur ein paar Zahlen und Stimmen wie aus dem Jenseits, deren Spur der Filmemacher Philip Scheffner in "The Halfmoon Files" aufgenommen hat. Sein Dokumentarfilm, der ab Freitag im Forum läuft, nimmt die Zuschauer mit auf eine Reise durch die Sinne, die tastend beginnt wie ein Suchspiel mit verbundenen Augen, dann schnell Fahrt aufnimmt und eine Geschichte erzählt, die vom Kolonialismus handelt, von der Wissenschaft und der Kunst - und davon, dass nicht wahr sein muss, was wir für wirklich halten.

Scheffner hat aus stummen Bildern, blinden Tonschnipseln und akademisch kühlem Kommentar eine Geistergeschichte gezaubert, die im Lautarchiv der Berliner Humboldtuniversität beginnt. Da sitzt der Dokumentarfilmer und Soundkünstler 2004 und hört eine Stimme, zu der kein Körper mehr gehört. "Ich hatte das Gefühl, da spricht ein Geist zu mir, der neben mir steht." Die Stimme von Mall Singh kommt von einer der 7500 Schellackplatten, die im Berliner Lautarchiv gehortet werden. Das Archiv ist eine akustische Schatztruhe und wurde 1920 gegründet, mit Stimmdokumenten, die die Königlich Preußische Phonographische Kommission in Internierungslagern des Ersten Weltkriegs aufgenommen hatte. Chef war der Forscher Wilhelm Doegen, der Sprachen und Musik aus aller Welt in einem "Stimmenmuseum der Völker" sammelte.

Willkommen in Wünsdorf, einem Kaff in Brandenburg, in dem das Auge nichts zu sehen kriegt außer Kasernen, dürren Kiefernwäldern, einem Absperrband, das im Wind flattert. "Viele Geister nehmen die Gestalt eines alten Seils an, das einfach auf der Straße liegt und die Füße der Passanten verfangen sich darin", erzählt ein Inder aus dem Off. Es spukt hier, erfährt man, sie sind noch da: Tausende indische und nordafrikanische Soldaten, die im Ersten Weltkrieg für die französische und die britische Armee kämpfen, in deutsche Gefangenschaft geraten und im "Halbmondlager" von Wünsdorf zusammengesperrt werden. Man baut ihnen eine Moschee, lässt sie vor der Kamera tanzen, vermisst Köpfe, bringt Trommeln aus dem Völkerkundemuseum, dokumentiert - und hofft, die Fremdlinge als Saboteure in die Armeen ihrer Kolonialherren zurückschicken zu können.

Ethnologen, Kriegspropagandisten und Filmemacher arbeiten da Hand in Hand, und es gehört zu den Qualitäten von "The Halfmoon Files", dass der Film sich nicht über seinen Gegenstand erhebt. Philip Scheffners Spurensuche nach dem Kolonialsoldaten Mall Singh bleibt lückenhaft und in seiner eigenen Zeit gefangen. Er überblendet das nicht, lässt die Leinwand schwarz, wo das Material nicht mehr hergibt. Mall Singh war Gefangener, Gegenstand der Forschung, Statist. Im Film wird zu einem Mann, der eine Geschichte zu erzählen hat.
Quelle: Süddeutsche Zeitung Nr.39, Freitag, den 16. Februar 2007