Perlentaucher

Die Geister des Archivs
Ekkehard Knörer

Zu Philip Scheffners "The Halfmoon Files"
Am Anfang steht ein Hinweis, den der Berliner Filmemacher und Sound-Künstler Philip Scheffner in Indien erhält: Es ist ein Hinweis auf das Dorf Wünsdorf bei Berlin, in dem während des Ersten Weltkriegs Gefangene aus aller Welt in einem Lager - dem "Halbmondlager" - lebten. Am Anfang steht eine Tonaufnahme vom 11. Dezember 1916, vier Uhr nachmittags. Ein 24 Jahre alter Sikh namens Mall Singh spricht in das Aufzeichnungsgerät, mit dem der Sprachwissenschaftler Wilhelm Doegen im Wünsdorfer Lager unterwegs ist.

"The Halfmoon Files" ist ein Film, der viele Anfänge hat und manchen Abweg kennt. "The Halfmoon Files" ist eine Geschichte aus deutscher Vergangenheit. Eine Spurensuche, die selbst Spuren auslegt und die nicht Ergebnisse präsentiert, sondern zeigt, wie sich Geschichten, Dinge, Zusammenhänge einstellen, herstellen, als hätten sie ein Eigenleben. "The Halfmoon Files" ist darum ein Film über den Geist des Archivs, auch über die Geister, die Archiven entspringen. Geisterhaft ist die Stimme von Mall Singh, die Stimme eines Menschen, der aller Wahrscheinlichkeit nach lange schon tot ist. Scheffner will mehr herausfinden über ihn - und tatsächlich taucht er ein weiteres Mal auf: als Studienobjekt einer im Rahmen deutscher Rasseforschung entstandenen Dissertation, die nachzuweisen versucht, dass die Sikhs eine rassisch homogene Gruppe sind. (Der Autor, erläutert Scheffner aus dem Off, kann es nicht nachweisen.) Hier spricht er nicht, hier wird er vermessen. Die Stimme, die Angaben auf dem Lagerformular, die Maße und Zahlen: Wer ist Mall Singh? Er hat gelebt. Er geriet nach Wünsdorf. Er hat in den Phonographen gesprochen. Der Rest verliert sich im Ungewissen. Die Spurensuche setzt sich in Indien fort. Dort will Scheffner drehen, er sucht den indischen Vizebotschafter auf, in Berlin. Man sieht diese Szenen - sie sind freilich nachträglich entstanden. Es gibt eine indische Rechercheurin, sie macht nur langsam Fortschritte. Wir hören sie übers Telefon, das Bild bleibt schwarz. Später sehen wir sie über eine Webcam, dazu die Telefonstimme, Laut und Bild sind aus technischen Gründen asynchron. Die Rechercheurin kann das Dorf, das Mall Singh auf dem Formular als Herkunftsort angab, nicht finden. Die große Geschichte ist dazwischengekommen, die Unabhängigkeit, die Teilung Indiens.
Überhaupt sind die großen Geschichten mit im Bild: die Geschichte des Weltkriegs, die Kolonialgeschichte. Sogar Wilhelm II. persönlich, dies eine der Abschweifungen, denen der Filmemacher gerne folgt. Wilhelm Doegen nämlich, der Herr des Lautarchivs, der Mann, der die Stimmen der Welt auf Platten zwang, hat Wilhelm II. post festum (Jahre später) dessen große Rede ans Volk zum Beginn des Weltkriegs einsprechen lassen. Es gibt nun die Bilder des Ereignisses und die Stimme des Kaisers. Man kann sie übereinander legen, nur liegen Jahre dazwischen. Laut und Bild sind auf immer asynchron. Das Archiv und seine Medien: sie verlangen nach Archäologen, die die Bruchstücke nebeneinander legen, katalogisieren, präsentieren.

"The Halfmoon Files" ist eine archäologische Arbeit in diesem Sinne. Man sieht Fotos, gesammelt in einem Buch, Namen von Fremden in Wünsdorf, Gesichter von Fremden frontal und im Profil. (In einem Buch, das diese Aufnahmen später unter dem Titel "Unsere Feinde" versammelt, sind die Namen getilgt, durch bloße Nummern ersetzt.) Der Film zeigt auch, was er nicht weiß. Er zeigt, wie er an die Bruchstücke kommt. Er präsentiert das Archiv, seine Geister, die Funde. Einen vierminütigen Film von 1916, natürlich ohne Ton, Aufnahmen aus dem Wünsdorfer Lager, dem Ort, von dem der Film ausgeht, an den er zurückkehrt. Heute aber, auch das zeigt der Film, ist die Geschichte selbst zerfallen: in eine Gedenkstätte zum einen, das Weiterleben zum anderen. Frau Heyer, die heute in einer der einstigen Baracken lebt, erzählt, wie sie die Türen, in die noch die Namen der Insassen geritzt waren, bei der Renovierung entsorgt hat."The Halfmoon Files" ist eine Geschichte über das Suchen, das Finden, das Offenbleiben. Von Mall Sing bleiben die Stimme, die Maße, die Formulardaten, ein kleines bisschen Lebensgeschichte. Der Rest verliert sich. Vielleicht taucht noch einmal etwas auf. Aus dem Archiv, in Indien - es meldet sich, erfahren wir ganz zum Schluss, ein vermeintlicher Enkel. Eine Fortsetzung der Geschichte gibt es im Herbst, in Berlin, in Form einer Ausstellung. Jeder, der diesen Film gesehen hat, kann auf sie nur gespannt sein.