netLOUNGE DV

Mind the Gap: Die Sache mit dem Bild und dem Ton

(...) Die Kluft zwischen Bild und Ton kulminiert schließlich in dem Film The Halfmoon Files. Auch in diesem Film geht es um Geschichte, genauer gesagt um die phonografischen Aufnahmen, die im Kriegsgefangenenlager in Wünsdorf während des ersten Weltkriegs gemacht wurden. Wie verbindet man eine brandenburgische Ortschaft mit Punjab in Indien, vor allem, wenn man keine Drehgenehmigung für Indien bekommt? Wie die brandenburgische Ortschaft heute mit der Ortschaft von 1916? Wie die Stimme eines indischen Kriegsgefangenen mit seinem nicht existierenden Bild? -- Über die Lücke, die hier ganz wunderbar konsequent als Stilmittel eingesetzt wird, und zwar als Leere. Sie äußert sich als nicht vorhandenes Bild, und als Stille. Das Bild bleibt oft schwarz, etwa während eine der Tonaufnahmen zu hören ist, und dies durchaus auch mal sehr lange. So lange, daß man beginnt, sich zu fragen, wie der Film da wieder rauskommen will. Aus einem so bedeutungsvollen, leeren Schwarz kann man so leicht nicht wieder in ein beliebiges Bild auftauchen, und auch der Moment muß stimmen. Aber es geht sich meistens aus; wäre der Film nicht so gut gemacht, hätte das Konzept auch leicht ins Desaster führen können. Beinahe schmerzhaft, als müsse man zu lange die Luft anhalten, ist der umgekehrte Fall: vier Minuten Originalfilmaufnahmen aus den Camps, einzigartige Aufnahmen. Ohne Ton, versteht sich. Figuren marschieren, andere tanzen, essen. "Sie tanzen ohne Musik" sagt schließlich der Kommentar, der einen irgendwann doch erlöst. Die Schere zwischen Ton und Bild betont auf unerwartete Weise die Materialität der Aufnahmen, und irgendwie wird dadurch auch das Dargestellte (oder Gehörte) lebendiger, auch wenn es darin um Geister aus der Vergangenheit geht. Dabei wird einem auch bewußt, daß zwar die 90 Jahre alten Schellak-Platten noch heute gehört werden können, aber die HDV-Aufnahmen, die zu sehen sind, wenn das Bild nicht leer bleibt, könnten womöglich schon in 20 Jahren nicht mehr lesbar sein. "So, you want to shoot in India?" fragt ein Indischer Botschaftsangestellter zu Anfang. Was für Film soll es denn werden, will er wissen. "A Ghost story" antwortet der Filmemacher. Dabei wußte er das zu dem Zeitpunkt noch gar nicht. Aber auch das Gespräch fand nicht statt, zumindest nicht so. Das wurde auf einen Vorschlag des Botschaftsangestellten hin erst später nachgespielt, als klar war, daß es keine Drehgenehmigung für Indien geben würde. Zum Glück.><<>> Und so schließt sich der Kreis. "Denn in mangelnder Sichtbarkeit kann man Dinge ganz anders erkennen", das hatte schon der Filmemachers Poulet zu seinem Film Substitute bemerkt. /HE