Friday, 27. April 2007, by m_art_in

Film und Kritik

Die Leinwand ist schwarz. Leuchtendes, projiziertes Schwarz. Und würde die Erzählerstimme nicht durch Untertitel sichtbar gemacht, dann würde ich eine Weile nur das Schwarz anschauen und aufmerksamer der Stimme lauschen. Aber so wird mein Blick nach unten gelenkt und ich lese unnötigerweise die Übersetzung. Auch derart verändern sich Filme. Vielleicht latent oder zu bestimmt, um reflektiert zu werden. Durch Bestandteile, die nachträglich hinzugefügt werden, ein Eigenleben entwickeln und Aufmerksamkeit lenken. Wie beispielsweise in dieser schönen Szene – dieses Buch, das von einem Besitzer mit Zeichnungen versehen wurde. In der Erzählung der Offstimme werden die Zeichnungen wie selbstverständlich mit dem Buchinhalt verwoben. Es wird beobachtet, beschrieben und erdichtet. Visuell ist der Unterschied erkennbar, aber in der Stimme verschmelzen die verschiedenen Ebenen in dem eintönigen Klang – Harun Farocki oder Hartmut Bitomsky – so hört es sich an. Wenn man sich von solchen Stimmen gerne Geschichten erzählen lässt, dann fühlt man sich bei Scheffner zu Hause. Das sympathische antiauktoriale, aber vielwissende Off. Andere Erzählungen dichte ich mir selbst hinzu und bemerke es sofort mit dem nächsten Schnitt. Nebel, ein Fluss, Ufergewächs in gedämpften Farben. Stille – vielleicht Musik – ich denke an Indien und freue mich auf vorstellbare Bilder dieses Landes, aber dann ist nur ein Angestellter eines Konsulates (die Hauptrolle in diesem Film) zu sehen, der den geplanten Dreh in Indien möglich machen möchte, und der Stimme, die nun im Film außerhalb des Rahmens neben der Kamera sitzt, Unterstützung verspricht. Es wird nie soweit kommen. Indien bleibt ein leeres Versprechen, genauso wie eine befriedigende, aufklärende Verbindung aller Aufzeichnungen. Ob Schellackplatte, Zeitung oder Webcam. Eine Sammlung heterogener Speicherungen erzählt erfrischend unlogisch von Forschungsfiktionen. Die Quellen wuchern – 1, 2, 3, 4… – die Stimme zählt und ich verliere nicht nur zeitlich den Anschluss – um was ging es eigentlich – aber der Blackout ist so angenehm wie das Schwarz der Leinwand. Ich lasse mich gerne von Gespenstern und Gespinsten kolonialisieren. Rauschen, Zelluloidschatten, Druckerschwärze, digitale Wolken… es spukt in den Medien, da sie Leben schreiben und ich in ihnen Leben lese. Dann, wenn die Abspielgeräte vorhanden sind, die untoten Träger aus den Katakomben der Archive geholt werden, um gegen den Tod zu protestieren. Mein persönlicher Berlinale Gewinner 2007.