Frankfurter Allgemeine Zeitung | Geisteswissenschaften Mittwoch , 5. September 2007, Nr. 206/ Seite N3

Stimmen der Völker auf Platten
Reinhart Meyer-Kalkus

Gefangene sprechen: Eine Dokumentation zum Berliner Lautarchiv und seinen Schätzen.
Bei der Berlinale wurde im Februar dieses Jahres der Film „The Halfmoon Files" des Berliners Philip Scheffner gezeigt, ein Film über visuelle und akustische Spuren des Kriegsgefangenenlagers Wünsdorf bei Berlin während des Ersten Weltkriegs. Dorthin waren von 1915 an vor allem Gefangene aus Nordafrika, dem Nahen Osten und Indien gebracht worden, die als Alliierte der Engländer und Franzosen in den Ersten Weltkrieg gezogen waren. Die Insassen genossen eine gewisse Vorzugsbehandlung, weil die Deutschen auf eine wachsende Entfremdung der Gefangenen gegenüber den Kolonialmächten setzten. So wurde für die Muslime in Wünsdorf eine Moschee errichtet, worauf der Titel des Films anspielt. Eine gewisse Berühmtheit erlangte das Lager Wünsdorf auch deshalb, weil in ihm - wie in 175 anderen Kriegsgefangenenlagern auf dem Territorium des Deutschen Reichs – zahlreiche Phonogrammaufnahmen auf Edison- Wachswalzen und Schellackplatten gemacht wurden. Diese gehören heute, digital transkribiert und durch eine Datenbank erschließbar, zu den Beständen des Berliner Lautarchivs, das dem Helmholtz- Zentrum der Humboldt-Universität angegliedert ist. Die Kolonialsoldaten Philip Scheffners halbdokumentarischer Film zieht den Zuschauer in den Prozess der Entzifferung der Dokumente und der Suche nach Spuren gelebten Lebens hinein, indem er historische Tonaufnahmen, Fotos und Filmaufnahmen mit schriftlichen Zeugnissen aus dem Archiv, mit Interviews von Lebenden und Ortsbesichtigungen miteinander verbindet. Im Widerstand gegen die Sehgewohnheiten des Fernseh-Features werden Bilder und Töne häufig entkoppelt, um die Wahrnehmung der akustischen Quellen nicht durch visuelle Eindrücke zu überdecken. Einmal ist die Leinwand fast vier Minuten schwarz, wie um die Geister der Vergangenheit zu beschwören, die Stimmen erhalten eine ungewohnte Plastizität, und das Rauschen der Schellackplatten wird als ihre Aura hörbar. Das Sujet zwingt zur Reflexion auf die formalen Möglichkeiten filmischer Darstellung und deren politischer Instrumentalisierung. Ein Exkurs zu Wilhelm II. zeigt die Nutzung der Film- und Schallaufzeichnungstechniken für Zwecke imperialer Selbstdarstellung. Die didaktisch-wissenschaftlichen Intentionen des Films werden durch die erzählerische Struktur balanciert. Im Zentrum steht der Sikh Mall Singh aus dem Punjab. Als einer von Tausenden von Kolonialsoldaten war er mit dem britischen Heer nach Frankreich gekommen, dort gefangengenommen und in das Lager Wünsdorf verbracht worden. In einer Tonaufnahme erzählt er seine Geschichte, wir hören seine selbstbewusste und zugleich klagende Stimme: „Wenn dieser Mann noch zwei Jahre hierbleiben muss, dann wird er sicher sterben." Der Film dokumentiert, unter welchen Vorgaben diese Schallaufnahme zustande kam. Der Indologe und Völkerkundler Heinrich Lüders hatte zusammen mit dem technischen Direktor Wilhelm Doegen die Aufnahme im Lager Wünsdorf selber überwacht. Was Mall Singh ihnen erzählte, wurde zunächst in dessen eigener Sprache aufgezeichnet und phonetisch transkribiert, dann musste er den Text in den Trichter sprechen, die Schriftfassung vor Augen. Ein Personalbogen hielt Daten über Herkunft, Erziehung, Sprachkenntnisse und Sonstiges fest. Ziel dieser Aufnahmen war nicht vornehmlich eine Dokumentation individueller Stimmen oder die Gewinnung von völkerkundlich bedeutsamem Material wie Mythen, Legenden oder Liedern, mochte dies auch ein Begleitaspekt anderer Aufnahmen gewesen sein. Ziel war in letzter Instanz die von dem deutschen Wissenschaftler angefertigte phonetische Umschrift, als Grundlage für vergleichende sprachwissenschaftliche Studien. In diesem Kontext von Sprachwissenschaft und Völkerpsychologie, von Rassenkunde, Biometrik und der exakten Verschriftlichung von Daten erhalten diese Aufnahmen ihre Bedeutung. Es sind Stimmen von Gefangenen und zugleich gefangene Stimmen, von deren Aussprache die deutschen Wissenschaftler das festzuhalten versuchten, was sie für ihre Hypothesen benötigten. Überfordertes Konzept Nun sind diese den Aufnahmen zugrunde liegenden Ambitionen eine gigantische Wissenschaftsruine geblieben. Der Initiator des Lautarchivs, der Sprachwissenschaftler und Geschäftsmann Wilhelm Doegen, mochte von einem Museum der Stimmen der Völker träumen, von einer Leistung, die den Kriegsgegnern zeigte, dass Deutschland seiner Kulturmission auch in Kriegszeiten treu blieb und sie mit überlegenen technischen Mitteln durchführte. Dafür hatte er dank seiner politischen Verbindungen während des Ersten Weltkriegs auch Unterstützung in den preußischen Ministerien gefunden. Allerdings wurde das gehortete Material von den Sprachwissenschaftlern, die die Aufnahmen überwachten, niemals ausgewertet, von wenigen Ausnahmen wie dem Anglisten Alois Brandl abgesehen. Wenn man hoffte, eine Vielzahl von sprachwissenschaftlichen und völkerkundlichen Dissertationen auf den Weg zu bringen, so erfüllten sich diese Erwartungen nicht. Das später in der Preußischen Staatsbibliothek untergebrachte Lautarchiv Doegens blieb weithin ungenutzt, auch nach 1933, als noch vereinzelte Neuaufnahmen gemacht wurden. Wo gab es auch in Deutschland Spezialisten für Phonetik und Dialektologie des Punjab, der afrikanischen oder der Kaukasussprachen? Elegisch-klagender Ton. Das Material der 1600 Aufnahmen aus deutschen Kriegsgefangenenlagern zwischen 1916 und 1918 überforderte Kapazität und Kompetenz der damaligen Forschung. Nur einige wenige Studien wurden publiziert, etwa zur Balkan-Musik, zu den Inseldialekten deutscher Kolonisten in Russland, zu georgischen Gesängen und tatarischen Texten. Ist das Berliner Lautarchiv also nur mehr Ausdruck des imperialen Kulturbewusstseins der damaligen Wissenschaftler, ihrer rassenkundlichen Vorurteile und Herrschaftsattitüden? Philip Scheffners Film dokumentiert diesen historischen Kontext und weist zugleich in eine andere Richtung. Sowenig frei sich diese gefangenen Stimme auch aussprechen konnten, so zugerichtet sie waren, so haben sie doch ein undomestizierbares Potential, das nicht darin aufgeht, exotische Vorzeigeobjekte der wilhelminischen Wissenschaft zu sein. Da gibt es einen elegischklagenden Ton in der einen Stimme, da ertönt in einer anderen ein sardonisches Gelächter nach dreimaligen „Heil"-Rufen, in einer dritten hört man, wie der Sprecher wie zum Spott seine Aufnahme mit dem deutschen Ausruf „guten Abend" beendet. Das kalte Medium Phonographie dokumentiert eben nicht nur die Physikalität von Schallwellen, sondern zugleich Stimmen, die eine individuelle Physiognomie und eine eigene Geschichte haben. Als solche könnten sie -jenseits des kuriosen Interesses – ein eigenes Nachleben führen. Scheffners Film endet damit, dass er einen Zeitungsbericht aus dem Punjab aus dem November 2006 dokumentiert, in dem davon berichtet wird, wie sich die Urenkel des Mall Singh heute zu Wort melden und ihrer erstaunten Mitwelt von der Entdeckung dieser einzigartigen Stimmaufzeichnung berichten. Scheffner hatte selber über die indische Botschaft die Recherche nach der Familie des Sikh initiiert. Wird hier nicht eine künftige Nutzung des Berliner Lautarchivs absehbar, vielleicht sogar eine Wende in dessen Geschichte? Erst wenn die Nachfahren der damaligen Kriegsgefangenen - nicht nur in Indien, sondern auch in anderen westeuropäischen Ländern, in Afrika, dem Nahen Osten und Osteuropa - die Stimmen ihrer Vorfahren in Berlin entdecken, kann dieser Schatz eine neue Bedeutung als Teil des akustischen Weltkulturerbes erlangen. Und dann werden sich vielleicht eines Tages aus diesen Ländern nicht nur Familienangehörige der damaligen Gefangenen, sondern auch Wissenschaftler finden, die das von den Deutschen aufgezeichnete Material nutzen, um ein Panorama ihrer heimischen Dialekte zwischen 1915 und 1919 zu zeichnen oder die vereinzelt aufgenommenen Lieder und Märchen zu studieren. Jedenfalls ist es eine weitsichtige Vorentscheidung, das Berliner Lautarchiv als Teil jener Sammlungsbestände vorzusehen, die im Rahmen des Humboldt-Forums auf dem Schlossplatz eines Tages präsentiert werden sollen.