Berliner Zeitung, 20.09.2007

Wahrheit aus dem Trichter
Peter Uehling

"The Halfmoon Files" erinnert an Moslems im Ersten Weltkrieg

Als Thomas Alva Edison am 18. Juli 1877 das Wort "Hello" in einen Phonographen-Trichter sprach und es sich fortan immer wieder anhören konnte, kam etwas Unheimliches in die Welt. Der Zusammenhang von Stimme und Leben zerbrach. Fortan war die Atmung nicht mehr nötig, um eine Stimme zum Klingen zu bringen: Es genügte die Aufzeichnung, und ein bereits gestorbener Mensch wurde hörbar. Mit dieser Erfindung und ihren ungeheuren Verbesserungen war, man weiß es, viel anzufangen und viel zu verdienen. Auch wissenschaftlich war das Gerät nutzbar; der Komponist Béla Bartók ist mit einem Phonographen durch Ungarn gezogen und hat die Gesänge der Bauern aufgezeichnet sowie einerseits geforscht, andererseits seinen eigenen Stil mit ihnen bereichert.

Auf einer vergleichbaren Kippe zwischen Wissenschaft und Kunst ist Philip Scheffners erstaunlicher Film "The Halfmoon Files" angesiedelt. Scheffner geht von einer Aufnahme aus dem Lautarchiv der Berliner Humboldt-Universität aus. Dort lagern hunderte Aufzeichnungen menschlicher Sprachen der ganzen Welt, die der Linguist Wilhelm Doegen Anfang des 20. Jahrhunderts zusammengetragen hat. Der Erste Weltkrieg gewährte ihm ein seltenes Glück: Als Kriegsgefangene kamen Menschen ferner Sprache nach Deutschland, die Doegen gleich vor den Schalltrichter beorderte. Aus der sogenannten "Halbmond-Baracke", dem Gefangenenlager muslimischer Soldaten bei Wünsdorf, kam auch der Inder Mall Singh, um einen kurzen Text auf Punjabi zu sprechen.

Nichts ist von Mall Singh geblieben außer diesem Abdruck seiner Stimme, seines Atems. Er war, so viel lässt sich dank der deutschen Bürokratie herausfinden, Angehöriger der Sikh, wurde 1892 in einem Dorf in Punjab geboren und war Angehöriger der Kolonialstreitkräfte, zog also für England gegen Deutschland in den Krieg. Die Geschichte dahinter ist faszinierend genug: So hatten die Deutschen den Plan, die Muslime im "Halbmond-Lager" so umzuerziehen, dass sie gegen ihre Kolonialherren rebellieren; das Wort vom "Djihad" fiel damals schon. Gleichzeitig hat sich die Wissenschaft mit unverhohlenem Rassismus auf das leicht verfügbare Menschenmaterial gestürzt, es vermessen, statistisch ausgewertet und katalogisiert. Es entstanden und erschienen Porträtserien, in der ersten Auflage noch mit den Namen der Gefangenen (Mall Singh war nicht darunter), später wurden sie als Exempel ihres Stammes nur noch mit Nummern versehen.

Nicht nur in Deutschland hat Scheffner nach Singh geforscht, auch in Indien. Allerdings musste er dort jemanden mit der Recherche beauftragen; die indischen Behörden haben seinen Antrag auf Drehgenehmigung nie beantwortet. Dennoch hatte das Ganze Folgen: Der indische Botschafter verlas Mall Singhs Rede 2006 bei der Einweihung des restaurierten Lagerfriedhofs. Scheffners indische Rechercheurin fand die Familie Mall Singhs, die das Tondokument des Gefangenen, dem die Rückkehr nach Indien gelang, zurückverlangte.

"The Halfmoon Files" wandeln sich unter der Suche und Dokumentation der spärlichen Spuren zu einer subtilen Studie über den Zusammenhang von Militär, Wissenschaft und den Umgang mit Fremden in Deutschland, um schließlich in die Frage nach der Erzählbarkeit von Vergangenem überhaupt zu münden: Hier das Dokument, dort der Zusammenhang, den man suchen muss. Scheffner ist von der komplexen Spannkraft seiner ausgreifenden Suche zurecht so überzeugt, dass er einen ungemein ruhigen Film machen konnte - er fesselt dennoch. Viele Dokumente werden gezeigt, beginnen dennoch im Erzählfluss den Rang harter Fakten zu verlieren und geraten in ein traumähnliches Schweben. Zuweilen setzt der Regisseur uns minutenlang vor eine dunkle Leinwand, damit wir den alten Tonaufzeichnungen und ihrem Leben wirklich zuhören können. "A Ghost Story ..." Selten trug ein Film diesen Untertitel mit mehr Recht.