ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 520 / 21.9.2007

Spurensicherungen einer Geistergeschichte
Fabian Tietke

The Halfmoon Files

Allen populären Bearbeitungen zum Trotz: es bleibt noch immer viel zu tun bei der filmischen Bearbeitung deutscher Kolonialgeschichte. Zwar fand die Tatsache, dass Deutschland Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts eine Kolonialmacht war, durch einige populäre Fernsehfilmchen der letzten Zeit ihren Weg in eine größere Öffentlichkeit. Die besondere Brutalität seiner Kolonialbestrebungen, die Deutschland mit anderen nachholenden Kolonialländern wie Italien teilt, wird dabei jedoch zumeist ausgespart. Ebenfalls nicht thematisiert wird, wie stark viele Wissenschaften von kolonialem Denken durchdrungen sind. Dies gilt insbesondere für jene, die für das europäische Selbstverständnis des 20. Jahrhunderts bestimmend werden sollten: Biologie, Medizin, Anthropologie und Kulturwissenschaft. Alle diese Wissenschaften sind in einer Weise mit dem rassifizierenden Überlegenheitswahn der Kolonialstaaten verwoben, die eine Trennung in "reine" Wissenschaft und ideologisierte Unwissenschaftlichkeit nahezu unmöglich macht. Die Untrennbarkeit von Technik, Forschung und kolonialem Denken ist einer der Punkte, die Philipp Scheffner in seinem Film The Halfmoon Files am Beispiel der Stimmaufnahme eines indischen Kriegsgefangenen des Ersten Weltkrieges verdeutlicht. Vertreter einer Sprache, aber kein Individuum. Zwischen 1915 und 1918 machte eine Kommission auf Anregung des Sprachwissenschaftlers und Grammofonenthusiasten Wilhelm Doegen zahlreiche Sprachaufzeichnungen mit dem Ziel, möglichst alle Sprachen der Welt zu dokumentieren. Doegen war fasziniert von der Möglichkeit, mit dem Grammofon erstmals Stimmen aufzuzeichnen und regte an, ein Archiv anzulegen, das alle zugänglichen Sprachen und Mundarten, Musik und die Stimmen von Persönlichkeiten der Zeitgeschichte umfassen sollte. Die Kriegsgefangenenlager des Ersten Weltkrieges boten ihm in seinen Augen Zugriff auf Menschen, die sonst nur durch aufwendige Reisen erreichbar gewesen wären. Die dabei entstandenen knisternden Aufnahmen, die heute im Archiv liegen, sind der Anfangspunkt einer Spurensuche im Film oder - wie Scheffner es an einer Stelle im Film beschreibt - einer Geistergeschichte. Scheffners Suche nach dem Inder Mall Singh, der im Punjab in die englische Armee eintrat und wenig später in Europa in einem Kriegsgefangenenlager landete, konterkariert en passant die Intention Wilhelm Doegens bei der Erstellung der Sprachaufnahmen. Scheffner sucht die Person hinter der Stimme, während Doegen in Singhs Stimme nur den typischen Vertreter einer Sprache gefunden zu haben glaubte und bei dieser wie allen anderen Aufnahmen jedes Zeichen von Individualität nach Kräften vermied. Individualität sollte den Angehörigen der europäischen Staaten vorbehalten bleiben. Vermutlich wird man auch die deutsche Empörung darüber, auf europäischem Boden gegen Soldaten aus den Kolonien Frankreichs und Englands kämpfen zu müssen, vor diesem Hintergrund sehen müssen. Dass die Deutschen selbst Askaris für die Kämpfe um die Kolonien einsetzten, das mochte für die Anhänger einer massenmordenden europäischen Zivilisationsmission noch angehen, in Europa wünschte man jedoch unter sich zu bleiben. Folgerichtig erklärte die Illustrierte Zeitung ihren LeserInnen, es sei lächerlich "wenn die Franzosen und Engländer angesichts der Tatsache, dass sie Völker niedrigster Kulturstufe und sogar Kannibalen auf ihre Gegner loslassen, nach wie vor behaupten, für die Kultur zu kämpfen." Dieser Satz erschien in der Zeitung vom 24. Dezember 1914 - jenem Datum, an dem weiße deutsche und britische Soldaten in einer Art Gentlemen's Agreement zwischen den Schützengräben miteinander Fußball spielten. Wissenschaft und koloniales Denken. Aller scheinbaren kolonialen Eintracht zum Trotz begann Deutschland jedoch im Ersten Weltkrieg als Kolonialmacht antikoloniale Propaganda gegen die Briten und Franzosen zu betreiben. Was im Ersten Weltkrieg mit dem Versuch begann, sich als Verbündeter des Osmanischen Reiches, den Islam als Ansatzpunkt für eine Allianz gegen die britischen und französischen Kolonialherren nutzbar zu machen, setzte sich bis in die 1940er Jahre fort. Um den Propagandakampf auch im Film führen zu können, wurden die Kriegsgefangenenlager zudem auch als exotisierende Filmkulisse genutzt, für deren Requisite man auf die Bestände des Berliner Völkerkundemuseums zurückgreifen konnte. Zu den Stärken von Halfmoon Files gehört, dass es Scheffner mit filmischen Mitteln gelingt, die Absurdität und Mehrschichtigkeit der verwendeten Ton- und Bildelemente aufzuweisen. Entlarvend ist z.B. eine Szene, in der Doeges eine Rede Wilhelms II. aufzeichnet, und der Kaiser mehrfach neu ansetzt, um seine Redeweise den Regieanweisungen Doeges entsprechend zu korrigieren. Sekundenlange Schwarzblenden, während deren Tonaufnahmen laufen, zu denen kein Bildmaterial existiert, zwingen zur Konzentration auf die Quelle, die überhaupt erst den Raum schafft für die Darstellung der komplexen Verwobenheit der thematischen Fäden. Umso beeindruckender ist es, dass Halfmoon Files trotz allem ein unterhaltsamer Film ist, der Lust macht, den Quellen in historischen Dokumentationen wieder genauer zuzuhören.